Glaube ungleich Religion ungleich Kirche

Ich erlebe in Gesprächen zum Thema Gott oft, dass Menschen die Themen Glaube, Religion und Kirche vermengen, gar teilweise als Synonyme füreinander verwenden. Dabei sind diese Begrifflichkeiten stark voneinander zu unterscheiden.

Deutlich wird das nicht nur anhand der Definitionen, auf die ich weiter unten noch eingehen werde, sondern auch durch die Kausalitätskette. Kirche ist anhängig von Religion und Religion ist abhängig vom Glauben. In die diametral andere Richtung funktioniert diese Abhängigkeit aber nicht: Glaube bedarf keiner Religion und Religion bedarf keiner Kirche.

Was ist Glaube?

Glaube definiert sich dadurch, dass man eine theologische Auffassung und/oder Überzeugung von etwas hat. Man kann etwa an einen Gott glauben, an Reinkarnation oder an Astralkörper.

Was ist Religion?

Eine Religion ist die organisierte, teilweise dogmatisierte Form des Glaubens, oft ausgelebt in einer Gemeinschaft.

Was ist Kirche?

Kirchen sind die verweltlichte Form einer religiösen Organisation, in etwa also ein weltliches Konstrukt vor dem Hintergrund einer religiösen Zugehörigkeit. Daneben kann man selbstredend auch bestimmte Gebäude als Kirchen bezeichnen.

Was ist nun der Unterschied?

Am eindringlichsten kann man den Unterschied anhand des „Christentums“ verdeutlichen.

Man kann daran glauben, dass Jesus Christus der Retter der Menschheit ist. Es gibt sehr viele Menschen, die diese Überzeugung abseits einer religiösen Zugehörigkeit haben: „Just Jesus, no religion.“

Die zu dieser theologischen Überzeugung grundsätzlich am ehesten passende Religion wäre im Allgemeinen das Christentum, im Speziellen je nach Ausprägung des Glaubens eine bestimmte christliche Konfession.

Eine christliche Kirche wären zum Beispiel die katholische, die protestantische oder die orthodoxe Kirche(n). Diese wären quasi der weltliche Dachverband der jeweiligen Religion, basierend auf der dazugehörigen theologische Überzeugung.

Deswegen kann man glauben ohne religiös zu sein, sowie religiös sein ohne einer Kirche anzugehören. Umgekehrt funktioniert dies allerdings nicht. Wobei es Menschen gibt, die weder glauben noch religiös aber dennoch Mitglied in einer Kirche sind. Das ist dann allerdings keine Frage der Logik, sondern schlicht inkonsequent.

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Kirche – Der Zwiespalt des Guten

Kirchen-Bashing ist in Mode – und ehrlicherweise muss man sagen, dass christliche Kirche, vor allem die Katholische Kirche, hierfür in der Vergangenheit viele Gründe geliefert haben. Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung, Kindesmissbrauch, Ablasshandel, dubiose Finanzgeschäfte, Prunksucht, Verbindungen zur Mafia, Vatileaks 1.0 und 2.0, Streben nach weltlicher Macht, Vorgehen gegen Wissenschaftler. Die Liste kirchlicher Verfehlungen ist lang und sie reicht bis in die Gegenwart, man denke etwa an die Enthüllungen des Spotlight-Teams des The Boston Globe aus dem Jahre 2002 mit allen folgenden Konsequenzen und Veröffentlichungen.

Einige dieser negativen Aspekte werden auch sehr undifferenziert und eindimensional beleuchtet, etwa die Kreuzzüge, die häufig keine militärische Aggression seitens der Kirche gewesen sind, sondern eine Reaktion auf muslimische Invasionen und das Entgegenstellen gegen Bedrohungen christlicher Pilgerwege. Andere Punkte, insbesondere der Kindesmissbrauch in der Kirche und der Umgang der Kirche mit diesen Vorfällen, sind zweifellos Beweis für die moralische Verkommenheit von Teilen der Kirche.

Das alles ist die eine Seite der Medaille. Was viele Kritiker aber vergessen ist die Tatsache, dass die Kirche für viele Errungenschaften verantwortlich ist und sich ebenso bis in die heutige Zeit im karitativen Bereich engagiert wie keine Organisation sonst. Es waren im Mittelalter überwiegend Mönche in Klöstern, die dafür Sorge getragen haben, dass sich mittels Büchern wissen verbreitet und auch konserviert wird. Ordensmitglieder wie Hildegard von Bingen haben schon früh medizinische Fortschritte angestoßen und Notleidende behandelt. Kirchenmänner wie Anselm von Canterbury haben die Philosophie maßgeblich positiv beeinflusst. Kirchen haben schon früh Verfolgten Asyl gewährt, die Synode von Clermont hat diese Idee bereits im 11. Jahrhundert entscheidend vorangetrieben. Es waren unter anderem das Heilige Römische Reich als Schutzreich der Christenheit sowie der Kirchenstaat, die im Jahre 1683 die osmanische Invasion in Europa gestoppt haben.

Gegenwärtig stellen in Deutschland christliche Kirchen über 1.000.000 Arbeitsplätze zur Verfügung. Es existieren viele von Kirchen oder ihnen nahestehenden Organisationen geführte Krankenhäuser, Altenheime, Pflegeheime, Hospize, Kinderhospize, Forschungseinrichtungen, Universitäten, Seelsorge-Einrichtungen, kulturelle und historische Einrichtungen, Armenspeisungen, Obdachlosenheime, Asyleinrichtungen, Entwicklungshilfe-Einrichtungen, Bahnhofsmissionen, Bibliotheken, Kinderheime, Kindergärten, Kitas sowie Schulen. Die ökumenische Bewegung weicht die Konflikte zwischen den christlichen Kirchen und Konfessionen langsam auf, es entsteht vermehrt ein Miteinander anstelle eines Gegeneinanders. Ohne kirchliche Organisationen wäre unsere Gesellschaft sehr schnell erheblichen Problemen ausgesetzt.

Kritik zu Missständen ist gut und richtig, wenn sie konstruktiv ist. Ein Kirchen-Bashing wird dem Handeln der Kirchen als Ganzes aber nicht gerecht. Kirchen taten und tun viel Gutes.