Das X-Wing Tabletop – Eine vertane Chance?

Bei mir war die Euphorie 2015 groß, als ich nach über zwanzig Jahren als Fast-Nur-GW-Spieler zu X-Wing gewechselt bin. Alles war neu und spannend. Da ich auch STAW gespielt hatte, wusste ich, dass mir verdeckte Systeme Spaß machen. Die großen GW-Systeme sind alle nicht verdeckt, alles ist zu jederzeit für jeden nachvollziehbar. Das bringt durchaus Vorteile, vor allem hinsichtlich taktischer und strategischer Möglichkeiten, aber auch Nachteile, weil ein bißchen das „Elfmeter-Gehirnspielen“ fehlt. Es geht also gerade bei der Bewegung nicht primär darum herauszufinden, was der Gegner denkt und entsprechend zu reagieren und dabei gleichzeitig auch selbst zu agieren. Das ist bei X-Wing anders. Durch die verdeckte Bewegung und eine in Teilen simultane Spielweise, ergeben sich andere Möglichkeiten.

 

Meine ersten Turniere in X-Wing waren OK, einmal Platz 2 und einmal Platz 4. Als jemand, der in vier unterschiedlichen Spielsystemen in den nationalen, europäischen und/oder globalen Ranglisten auf Platz 1 gestanden hat bzw. steht, war ich andere Ergebnisse gewohnt, aber ich war ein Neuling und somit zufrieden. Zumal sich meine Einstellung diesbezüglich seit einiger Zeit ohnehin verändert hatte/hat. Ich spiele nur noch aus Spaß und nicht mehr der Ergebnisse wegen.

 

Irgendwann in der Mitte des Jahres 2016 fand bei mir dann aber ein innerlicher Bruch mit X-Wing statt. Das hatte mehrere Ursachen. Ich wollte 2015 vor allem deshalb weg von GW, weil mir die Metaspirale und die Release-Politik von GW zuwider waren. Es wurden ständig neue Sachen veröffentlicht, die in 90% der Fälle stärker waren als das „Alte“. Armeekonzepte hatten eine Halbwertszeit von wenigen Monaten, teilweise gar Wochen. Man wurde so genötigt immer mehr Zeit und Geld in die GW-Systeme zu stecken, schließlich wollte alles auch zusammengebaut und bemalt werden. X-Wing machte da 2015 einen anderen Eindruck. Regelmäßige aber nicht erdrückende Releases, Unterstützung der Turnierszene von Seiten des Herstellers, keine abartige Metaspirale nach dem Motto „höher, schneller, weiter“.

 

Langsam veränderte sich X-Wing aber – und in meinen Augen nicht zum Guten. Das kann ich an mehreren Punkten festmachen:

  • Fantasy Flight Games (FFG), also der Hersteller von X-Wing, kopierte quasi die Fehler von GW. Es wurden immer mehr Sachen auf den Markt geworfen. Neues war dabei in der Regel deutlich stärker als Altes.
  • Kartenpolitik: Bei X-Wing spielen nicht nur die Figuren eine Rolle, sondern auch die Karten. Dabei waren einige Schiffe nicht gut, die im Blister enthaltenen Karten aber sehr wohl. Ich denke hier etwa an die Starviper und die automatischen Schubdüsen, die essentiell für andere Schiffe gewesen sind. Ferner musste man sich manchmal Schiffe kaufen, selbst von Fraktionen, die man nicht spielen wollte, nur um an bestimmte Karten zu kommen, die auch für die eigene Fraktion sinnvoll waren.
  • Metaspirale: FFG hat ständig das Meta verändert, teilweise sogar nur durch FAQs und Kartenveränderungen. So haben sich Spieler Schiffe und Karten gekauft, um ein bestimmtes Turnierkonzept zu verfolgen, welches dann innerhalb kürzester Zeit mittels „Patch“ obsolet geworden ist. Dabei wurde das Meta immer ekliger. Es ging nur noch darum, immer krasser zu werden.
  • Synergie-Overload: Synergien sind eine sinnvolle Sache und bei vielen Tabletops wichtig. X-Wing hat es hier aber übertrieben. Listenkonzepte hatte teilweise derartig viele Synergien, die wiederum an Bedingungen geknüpft worden sind, die wiederum Bedingungen erfüllen mussten, dass gerade Gelegenheitsspieler und Neulinge entnervt ausgestiegen sind: „Schiff A kann Aktion B machen, wenn es sich im Feuerwinkel C zu Schiff D befindet ohne dabei in Reichweite 1-2 zu Schiff E zu sein. Aber nur, wenn Schiff D nicht Ausrüstung F hat. Verstärkt wird das Ganze durch das Supportschiff G, welches Schiff A unterstützt, sollte es sich zu ihm in Reichweite 2-3 und im sekundären Feuerwinkel befinden.“ Kurz: Es wurde albern.
  • Darüber hinaus war die Verfügbarkeit von Schiffen äußerst schlecht. Von einem großen Hersteller von Figuren erwartet man, dass alle Artikel zu jeder Zeit in jeder Sprache verfügbar sind. Bei X-Wing waren bestimmte Schiffe teilweise über 7 bis 8 Monate nicht verfügbar, wenn eine Charge ausverkauft gewesen ist. Bei einem Kleinsthersteller könnte ich dies verzeihen, da dieser Lagerkosten minimieren und vor allem Überproduktionen vermeiden muss. Bei FFG ist das aber inakzeptabel.

 

Jetzt steht X-Wing 2.0 vor der Tür. Ich bin zwar mittlerweile von X-Wing gefrustet primär wieder zu GW-Systemen gewechselt, aber auf 2.0 habe ich mich richtig gefreut. Nun konnte man allerdings auf diversen Szeneseiten und in Shops lesen, dass die Produkte für die Einführung von 2.0 lediglich zur Sicherstellung der Vorbestellungen reichen. Jede Nachfrage darüber hinaus kann erst wieder im Dezember, vielleicht gar erst Anfang 2019 bedient werden. Das sind dann mindestens drei Monate, in denen Nicht-Vorbesteller nur schwer an X-Wing 2.0 herankommen werden. FFG hat seit 2015 nicht dazugelernt. Zumindest in Sachen Marktanalyse, Produktion und Logistik nicht. Ich hoffe, dass sie es bei meinen anderen Kritikpunkten getan haben. Ansonsten verschwinden meine X-Wing Sachen auf unbestimmte Zeit im Schrank.

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